das kunstsystem als künstlerisches material
die kunst braucht relevanz.
dank der erfolgreichen emanzipationsbewegung in den letzten beiden jahrhunderten und der damit gewonnen freiheit, ist diese relevanz jedoch nicht mehr per se gegeben. die kunst muss sich ihre bedeutung und eben auch die darüber erst gerechtfertigte freiheit immmer wieder erarbeiten. in erster linie erhält und erfährt sie ihre relevanz aber durch das überschreiten von grenzen, vom damit verbundenen perspektivwechsel und durch die eröffnung neuer blickwinkel auf die prozesse unserer wirklichkeit.
kunst hat im 20 jahrhundert eine beispiellose expansionsbewegung hinter sich, die vor nichts halt gemacht hat. alle materialien, alle dinge und alle bereiche des lebens sind zur kunst erklärt worden. die frage ob etwas heute kunst sein kann, ist nach dieser ausweitung nicht mehr von bedeutung. kunsttheorie und wissenschaft vermag heute alles zur kunst zu deuten, somit ist alles kunst und nichts ist mehr kunst, je nach blickwinkel.
ein beispielloser bedeutungszuwachs
gleichzeitig hat die kunst, an gesellschaftlicher bedeutung gewonnen. der wunsch und das verlangen danach, sind heute so groß wie nie zuvor. zur langen nacht der museen ziehen tausende durch die innenstädte, werke berühmter künstler erzielen nach wie vor höchstpreise und die akademien erleben seit jahren einen nie dagewesen andrang. kurz die kunst ist derzeit mindestens so hip wie es ihre schwester, die werbung einmal gewesen ist.
und sie ist damit in der mitte der gesellschaft angekommen, sie bietet dort vermeintlich freiräume und ist projektionsfläche für träume der freiheit und des selbstbestimmten lebens mit der botschaft: “seht her, es geht immer noch. jeder kann, wenn er nur will frei und erfolgreich sein.”
womit ihr natürlich auch eine höchst problematische politische funktion zu fällt.
alles super?
doch gleichzeitig entsteht für die künstler ein problem. in dem die kunst selber teil der gesellschaftlichen prozesse ist, ist von dort aus der perspektivwechsel nicht mehr möglich, der blick von außen nach innen ist verstellt. die künstlerische strategie der entgrenzung fällt weg, die arbeiten bieten zwar neue reize bleiben aber zwangsläufig hermetisch.
kunst wird damit zum gefängnis der künstler, eine comfort-zone der narrenfreiheit, bequem aber ohne bedeutung.
die relevanz der arbeit schwindet an vielen stellen, einmal abgesehen von der funktion als vorlage kunstheoretischer masturbationsfantasien. nicht von ungefähr kommt der satz “ach so, das ist kunst, na dann…”
ja klar doch!
eine zeitgenössische kunst die ihre relevanz behalten und auch über den aktuellen horizont hinaus bedeutung behalten soll, muss sich unter anderem auch diesem phänomen stellen.
der künstler muss aus diesem grunde – so wie immer wieder und vielfach unter dem label der avantgarde geschehen – das kunstsystem so gut es eben geht verlassen, mit all den damit verbundenen konsequenzen für ihn.
und trotz der damit verbundenen probleme und widrigkeiten eröffnen sich dem künstler damit automatisch neue perspektiven.
aber viel wichtiger ist, trotz der totalen expansion der kunst und der vereinnahmung sämtlicher materialien durch diese, eröffnet sich mit diesem schritt ein neues feld. der künstler findet ein gänzliches neues und weitgehend unverbrauchtes materiall vor: das kunstsystem selber.
















































